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Eine der unglücklichsten
Vorstellungen ist die von den Luftteilchen als Schrotkugeln, die auf eine
schräg gestellte Platte treffen. Von dieser sollen sie nach unten
reflektiert werden. Diese Ablenkung rufe nun aufgrund der Impulserhaltung
eine Kraftwirkung nach oben hervor. Je höher der Anstellwinkel, umso größer
der dadurch erzeugte Auftrieb, bis er schließlich oberhalb eines Winkels von
45 Grad der Tragfläche wieder sinken soll.
Reflektierende Platte
Es klingt plausibel. Aber
ist es in der Praxis nicht so, dass der Auftrieb zwar schon bei sehr
kleinen Winkeln recht hoch ist, jedoch deutlich unter 45 Grad – meist schon
bei unter 8 Grad – einbricht?
Wäre eine
Strömungsablenkung ursächlich für den Auftrieb, so wäre ein solch frühes
Einbrechen kaum erklärbar.
Und gibt es nicht sogar
Profile, die bei einem Anstellwinkel von 0 Grad schon Auftrieb erzeugen?
Zudem sollte nach dieser Vorstellung ja die Wölbung und Form des oberen
Konturverlaufs des Profils beliebig sein, was ebenfalls einer Überprüfung in
der Realität nicht standhält. Also ist an dieser Vorstellung etwas falsch.
Luftteilchen verhalten sich eben nicht wie Schrotkugeln. Sie beeinflussen
sich gegenseitig und fließen an der Platte entlang, ohne von ihr reflektiert
zu werden. In der Realität kommt es tatsächlich zu einer Ablenkung der Luft.
Diese hat aber eine ganz andere Ursache, wie wir später noch sehen werden.
Die Erklärung des Auftriebs durch eine reflektierende Fläche ist also völlig
falsch. Vergessen wir sie am besten ganz schnell.
Mythos vom längeren Weg
Eine noch etwas weiter
verbreitete Erklärung, bei der der Fehler weniger offensichtlich ist, ist
die von den unterschiedlichen Weglängen der Strömungen ober- und unterhalb
eines Profilverlaufs.
Eine normale Tragfläche
ist auf ihrer Oberseite gewölbt. Dadurch muss die strömende Luft dort einen
längeren Weg zurücklegen als auf der Unterseite.
Da nun die Luftteilchen
vor dem Profil dicht beisammen geflogen sind, müssen sie hinter dem Profil
wieder zusammenkommen. Daher muss die Luft auf der oberen und längeren Seite
schneller fließen.
Nun hat schneller
fließende Luft die Eigenschaft, einen geringeren Druck zu besitzen als
langsam fließende. Dieser Teilaspekt ist tatsächlich korrekt. Warum das so
ist, werden wir später noch sehen.
Somit entsteht auf der
Oberfläche ein Unterdruck und die Tragfläche erzeugt Auftrieb. Das klingt
plausibel und man findet diese Erklärung tatsächlich nicht nur immer wieder
in manchen Schulbüchern und vor allem im Internet.
Gerüchte besagen auch,
dass Albert Einstein einst von dieser Erklärung ausging und ein Profil
ersann, dessen Oberseite stark gewellt war. Seine Vorstellung sei gewesen,
dass nun die Luft – der gefalteten Oberfläche folgend – einen sehr viel
längeren Weg zurücklegen, infolgedessen sehr viel schneller fließen und
damit einen extrem hohen Auftrieb erzeugen würde.
Dieses Profil ist
allerdings ein Desaster. Die Vorhersage erfüllt sich nicht im geringsten. So
plausibel die Erklärung auch klingen mag, sie hat ein derart großes Loch,
dass es verwundert, dass Einstein darauf hineingefallen sein sollte.
Schauen wir uns die
Erklärung genauer an: Es heißt, die Luftteilchen müssen am Ende des Profils
zur gleichen Zeit ankommen. Doch wer soll sie dazu zwingen?
Die Antwort ist einfach:
niemand.
Im Gegenteil. Wie wir
später noch sehen, werden die Luftteilchen auf der Oberfläche zwar
tatsächlich schneller fließen, die auf der Unterseite hingegen sogar
verzögert, sodass das obere von zwei ehemals benachbarten Teilchen in
Wirklichkeit um einiges früher als das untere am Ende des Profils ankommt.
Aber verlassen wir die
teilweise abenteuerlichen Erklärungsversuche und betrachten die Realität.
Leider ist diese etwas komplizierter.
Der wahre Grund
Dazu schauen wir uns
zunächst einmal das reale Strömungsbild um ein sehr stark gewölbtes Profil
bei 0 Grad Anstellwinkel an:
Es fällt auf, dass die Stromlinien oberhalb des Profils komprimiert sind,
unterhalb dagegen sind sie gedehnt und haben einen größeren Abstand
zueinander.
Der Grund für dieses
Stromlinienbild ist nicht ganz leicht zu verstehen, aber es gibt einen alten
physikalischen Trick, um das Verhalten nachvollziehen zu können. Man sieht,
dass in der Grafik die oberste und unterste Stromlinie so gut wie
unverändert bleiben. Man kann nun einfach annehmen, dass das ganze
Profilströmungsbild an diesen beiden Stromlinien gespiegelt ist.
Durch diesen Trick – man
nennt ihn die Spiegelmethode – kann man nun leicht erkennen, dass zwischen
den beiden oberen Profilen der Raum verengt, zwischen den beiden unteren
hingegen erweitert wird. Da die Durchflussmenge zwischen den Profilen jedoch
zeitlich konstant ist – es wird ja weder Luft zusätzlich eingeblasen noch
welche abgezogen, also muss alles was vorne einströmt hinten wieder
herauskommen (siehe Kasten Kontinuitätsprinzip) – wird zwischen den oberen
beiden Profilen die Strömungsgeschwindigkeit erhöht, bei den unteren beiden
hingegen verringert. Daher kommen die Luftteilchen, die über die Oberseite
fließen, tatsächlich auch vor den verzögerten Teilchen der
Unterseitenströmung an der Hinterkante des Profils an.
Man kann einwenden, dass
eine solch abenteuerliche Profilanordnung in der Realität nie vorkommen
wird. Da sich jedoch die Strömung dicht um ein Profil in beiden Fällen – dem
realen Fall eines einzelnen Profils und dem gespiegelten Fall – identisch
darstellt und ebenso in beiden Fällen die Stromlinien, an denen gespiegelt
wurde, nicht verändern, kann die Spiegelmethode zur besseren
Veranschaulichung genommen werden. Man kann auch sagen, dass für ein
einzelnes Profil die Anwesenheit der anderen gar nicht spürbar ist, solange
sie ausreichend weit entfernt sind.
Nun passiert etwas
Erstaunliches:
Der Druck in der
schneller strömenden Luft oberhalb des Zylinders sinkt, unterhalb – in der
verzögerten Strömung – wird der Druck dagegen höher. Der Grund hierfür ist
nicht ganz leicht zu verstehen. Der Physiker Daniel Bernoulli (1700 bis
1782) fand die Erklärung.
Die Gleichung von
Bernoulli (siehe Kasten Bernoulli-Gleichung) besagt, dass, wenn in einer
Strömung, bei der die Durchflussmenge des strömenden Mediums konstant
bleibt, die Geschwindigkeit beispielsweise vergrößert wird, sich automatisch
der Druck verringert und umgekehrt.
Dies gilt, solange keine
Energie zu- oder abgeführt wird. Durch das Strömungsbild haben wir gesehen,
dass genau dies bei einem umströmten Profil passiert. Die Luft oberhalb des
Profils strömt schneller, weil das durchströmte Volumen verengt wird.
Unterhalb fließt sie
verzögert, weil sie mehr Platz zur Verfügung hat. Dadurch stellen sich
oberhalb des Profils ein Unterdruck und unterhalb ein Überdruck ein. Dieser
wirkt auf die Tragfläche und diese beginnt zu tragen. Aufgrund der
Impulserhaltung folgt durch diese Druckverhältnisse zudem eine
Abwärtsströmung der Luft hinter der Tragfläche. Eine Tatsache, die sich
beim Anströmwinkel des Höhenleitwerks auswirkt, der sich dadurch nämlich
leicht verändert.
Ersatzvorstellung
Erstaunlicherweise findet
man ein sehr ähnliches Strömungsbild bei einem ganz anderen System: dem
Flettner-Rotor, der auf dem Magnus-Effekt basiert.
Ein Zylinder rotiert sehr
schnell (hier im Uhrzeigersinn). Dabei nimmt er die Luftteilchen in seiner
Umgebung mit. Die Luft um ihn herum beginnt daher ebenfalls zu rotieren.
Wird ein solcher Rotationszylinder angeströmt, überlagert sich die
rotierende Luftströmung mit der Anströmung. Infolgedessen werden die
Luftteilchen oberhalb des Zylinders beschleunigt, unterhalb gebremst. Nach
Bernoulli kommt es zu einer Kraftwirkung senkrecht zur Anströmung nach oben.
Es ist der gleiche Effekt, der hier nur auf eine andere Weise erzeugt wird. |